Michaela Merz

Carl und die 20 Franken Note

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Als Carl und Emilie heirateten, da hatten sie beide schon das 50te Lebensjahr überschritten. Für Carl war es die zweite Ehe, für Emilie die dritte.
Beide hatten aus ihren vorherigen Ehen erwachsene Kinder. Carl und Emilie waren froh, sich gefunden zu haben, sie passten gut zusammen, teilten ähnliche Werte, liebten Hunde und Ordnung.
Einmal ist der Schwiegersohn von Emilie gekommen und wollte sich von Carl Geld leihen, um sein Unternehmen aufzubauen. Carl war es nicht geheuer. Er hatte den Grundsatz, kein Geld an Kollegen und die Familie auszuleihen, einfach um Reibereien zu vermeiden. Er sagte, nicht überraschend, "Nein".
Aber der Schwiegersohn kam immer wieder und fragte bei jedem Besuch neu. Carl ist dies gehörig auf die Nerven gegangen. Plötzlich begann Emilie auch auf Carl einzureden, um ihn zu überzeugen, ihrem Schwiegersohn das Geld auszuleihen. Die Spannung stieg und aus dem gemütlichen Zuhause war ein stressiger Ort geworden, weil Emilie konnte in jede Sekunde das Thema wieder anschneiden.
Irgendwann konnte Carl nicht mehr und sagte "Ja". Verträge wurden unterschrieben, das Geld wechselte die Hand und Ruhe ist wieder eingekehrt.
Aber nicht lange. Nach 2 Jahren war der Schwiegersohn nicht im Stande das Darlehen zurück zu zahlen. Seine Schulden waren gewaltig gewachsen und sein Unternehmen hat sich nicht so entwickelt wie erhofft. Er musste schliessen.
Carl wollte sein Geld zurück und jetzt drehte die Situation, denn weder der Schwiegersohn noch Emilie wollten mit Carl darüber reden. Nach fast 2 Jahren verschiedener Versuche, hat Carl den Weg zum Betreibungsamt gemacht. Das Verfahren war nicht schön und Carl erhielt nur Teil seines Geldes, dazu musste er verschiedene Auslagen zahlen.
Die Beziehung zwischen Carl und Emilie kühlte sehr ab. Ab diesem Zeitpunkt waren sie kein Liebespaar mehr, sondern nur eine Zweckgemeinschaft, quasi eine WG, jeder mit eigenem Zimmer. Sie teilten sich die Aufgaben, die Kosten, aber leider nicht mehr die Liebe.
Mittlerweile sind beide fast 80 Jahre alt, wohnen immer noch zusammen aber die alten Wunden sind offen geblieben. An die alte Liebe konnten sie nicht mehr anknüpfen. Gestern haben sie beim Nachtessen diskutiert, was passiert, wenn einer von ihnen stirbt. Emilie sagte, dass sie sicher nicht das Begräbnis von Carl organisieren werde. Das sollen gefälligst Carls Kinder machen. Carl fragte Emilie, ob sie die Telefonnummer von seinen Kindern denn gespeichert hatte. Emilie sagte, nein und sie wollte es auch nicht tun.
Da ging Carl in sein Zimmer und schrieb auf die weisse Wand oberhalb seines Bettes in grossen roten Zahlen die Telefonnummern aller seiner 3 Kinder. 
Daneben nagelte er eine 20 Franken Note für Emilies Auslagen. Emilie fand es ensetzlich. Das war Carl egal. Er hat es irgendwie beruhigend gefunden jeden Abend unter der Nummer seiner Kinder einzuschlafen.
Als ich diese Geschichte hörte, dachte ich, dass ich verstehe, warum Leute, die im reifen Alter einen neuen Partner suchen als Zusatz oft "ohne Altlasten" schreiben. Solche Altlasten sind giftiger als eine Sondermülldeponie und können offensichtlich sehr viel kaputt machen.

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