Michaela Merz

Viktor Ivanovic

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Viktor Ivanovic hat schon bessere Zeiten erlebt. Heute benötigt er Sozialhilfe, weil das Geld bei ihm in den letzten 10 Jahren immer knapp war. Es machte ihm jedoch nicht viel aus. Er konnte stundenlang auf der Piazza sitzen, das Treiben auf der Strasse und auf dem See beobachten, sich das Gesicht von der Sonne wärmen lassen und war zufrieden.

Sein grösster Luxus war jedoch sein Segelschiff. Er kaufte es vor mehr als 30 Jahren. Damals war es ein richtiges Prachtstück und kostete entsprechend viel Geld. Sehr stolz segelte er bis nach Italien und zurück. Am Anfang mit Begleiterinnen, die sich eher für sein Geld als fürs Segeln interessierten, mit zunehmendem Alter und abnehmenden Inhalt seines Geldbeutels dann allein.

Als Ivan Ivanovic, sein Vater, starb, war Viktor noch nicht mal 20 Jahre alt. Der Grossvater hat den Grundstein des Familienvermögens durch geschicktes Handeln gelegt und sein Vater hat es weiter ausgebaut und vergrössert. Gelebt hatten sie schon lange nicht mehr in Russland sondern in Paris. Als Viktor das unglaublich viele Geld nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod seines Vaters geerbt hatte, war da niemand, der ihm erklären konnte, wie man mit Geld umgeht und ein Geschäft führt. Viktor hat mehrheitlich in Internaten gelebt, weil sein Vater so viel reiste und kaum Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern. Leider hat er es auch versäumt Viktor in das Familiengeschäft einzuführen.

Viktor war mit knapp 20 Jahren naiv und hörte auf schlechte Berater, die die Filetstücke des Vermögens geschickt zu Spottpreisen erwarben, wenn Viktor wieder flüssige Mittel für seine teuren Hobbies brauchte. Eben zum Beispiel dieses kostspielige Segelschiff. Trotz des ursprünglichen Vermögens war nach 30 Jahren nicht viel übrig, weil Viktor nie versucht hatte, es zu mehren sondern auf grossem Fuss lebte als wenn es kein Morgen gäbe. Nach weiteren 15 Jahren war Viktor pleite. Und die einzige Überraschung für alle um ihn war, dass das Geld überhaupt so lange reichte. Viktor verkaufte nach und nach alles, seine Autos, seine Wohnung, seinen Schmuck bis auf das Segelschiff, das wegen dem Alter und Zustand niemand wollte. Da Viktor auch nicht wusste, wie man Geld verdient und eigentlich auch nie gearbeitet hat, musste der Staat in die Bresche springen. Die Sozialhilfe hat er provisorisch erhalten, aber weil das Boot auf dem Papier immer noch zu viel Wert hatte, musste es Viktor loswerden. Aber wie wird man ein Schiff los, wen es niemand will. Zu kaufen sowieso nicht und geschenkt auch nicht. Die Reparaturen und Instandsetzung hätten so viel gekostet, dass es mehr Sinn machte ein modernes Boot zu kaufen. Für die fachgerechte Entsorgung des Bootes hatte Viktor auch kein Geld.

Das Sozialamt drängte und Viktor wusste, dass er, wenn er nicht schnell eine Lösung findet, ohne Einkommen bleiben würde. Da kam ihm die Idee. Eines Nachts als der Himmel sehr bewölkt war, der Mond nicht zu sehen und die Dunkelheit über dem See tiefschwarz, setzte er an zu seiner letzten Fahrt. Er kannte den See sehr gut. Dort wo der See fast 200 m tief war, öffnete er in der Toilette das Ventil. Er streichelte sein Boot das letzte Mal, setzte sich in ein kleines Gummiboot und paddelte von seinem Boot weg. Es dauerte nicht lange und er sah die Spitze des Masts aus dem Wasser ragen und die kleine weisse Flagge winkte ihm ein letztes Mal zu. Das Boot war versenkt. Problem erledigt. Viktor begann zu paddeln. Er war aber schon lange keine physische Anstrengung mehr gewohnt und es wehte der Nordwind. Gegen den hatte Viktor keine Chance. Plötzlich stellte er fest, dass es im Boot immer mehr Wasser gab. Es war sehr dunkel und Viktor hatte Schwierigkeiten herauszufinden, wo das Problem herkam. Am Ende sank dieses kleine Gummiboot auch. Viktor war mitten im See ohne Schwimmweste, die er nicht mitgenommen hatte. Er sah die wenigen Lichter am Ufer, er zog die Schuhe und Hose aus und schwamm Richtung Ufer. Eine sehr lange Strecke von mehreren Kilometern lag vor ihm. Es war Sommer und das Wasser warm und Viktor eigentlich kein schlechter Schwimmer. Dann aber dachte er sich „Warum eigentlich diese Anstrengung?“. Ob er wirklich am Ufer ankommen will? Er entschied sich dagegen und sank dann eigentlich dort, wo auch sein Schiff kenterte.

Niemand hat am nachfolgenden Tag Zweifel daran gehabt, dass es ein Unfall war. Das Schiff und Viktor Ivanovics Körper wurden nie gefunden.

Bildquelle: Paul-Georg Meister  / pixelio.de

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