Michaela Merz

Arbeit geben – Fairness wird nicht immer gross geschrieben

Leave a comment

Ivy wurde von ihrem Arbeitgeber in eine frühzeitige Pensionierung gedrängt. Ivy wollte nicht, aber ihre 35 Jahre jüngere Chefin mit einem Hochschulabschluss teilte ihr mit, dass wenn Ivy nicht zustimme, werde sie sich wahrscheinlich von ihr trennen müssen. Ivys Chefin meinte, sie müsse wissen, das sei gar nicht ihr Entscheid, sondern von ganz oben. Sie muss einfach 10% Personal abbauen und Ivy wird es am Wenigsten, da sie ohne weiteres bis zu Pensionierung das Arbeitslosengeld beziehen könne.

 

Ivy wollte nicht gehen, sie fühlte sich fit, schaffte ohne weiteres ihr Pensum, lernte ohne Schwierigkeiten neue Systeme. Ivy hatte wenig Lust auf das Rentnerinnen-Dasein. Grosskinder hatte sie keine, nur einen mürrischen Ehemann und da war alles besser als mit ihm zu zweit zu Hause zu sein. Ivy wollte noch bleiben, aber sie wusste sich nicht helfen und hatte auch niemandem mit dem sie es hätte besprechen können. Schlussendlich gab sie nach und liess sich frühzeitig pensionieren. Ivy dachte sich noch, dass ihr Kollege Emre, die Arbeit, die sie in der Vergangenheit zu zweit gemacht hatten, nie im Alleingang bewältigen werden kann, aber das sprach sie nie laut aus.

Dann gab es ein Abschiedsfest, die Versicherung zahlte Ivy 36’000 aus der 3. Säule und Ivy ärgerte sich, dass sie in der Vergangenheit nicht mehr einbezahlt hatte. Um die 36’000 war sie sehr froh, aber sie kaufte sich gar nichts und legte sie auf die hohe Kante, die gar keinen Zins abwarf und durch die kleine Inflation langsam an Wert verlor.

Einen Monat später klingelte bei Ivy das Telefon und ihre ehemalige Chefin fragte Ivy, ob sie nicht bereit wäre auszuhelfen, da Emre mit der Arbeit nicht nachkam. Zudem hat er sich beim Fussball das Bein gebrochen und wird operiert und bleibt einige Wochen zu Hause. Ivy war froh und sagte ja ohne gross zu überlegen. Sie bekam einen Vertrag im Stundenlohn, der sage und schreibe 40% weniger betrug als ihr früherer Lohn. Ausserdem gab es eine Zusicherung, dass ihr Pensum nicht den Koordinationsabzug für die Pensionskasse übersteigen dürfe, weil ihr Arbeitgeber nicht bereit war, für sie in die Pensionskasse einzuzahlen. Versicherungen hatte sie sowieso keine. Krankheit war ihr Problem. Sie machte weiterhin die qualifizierte Arbeit wie vorher, lernte ein weiteres, neues System. Sie verdiente um die 50 Rappen pro Stunde mehr als der 20 jährige Student ohne jegliche Praxis, der die Papiere archivierte.

Klara wollte Kleinkinderzieherin werden. Dazu bräuchte sie ein Praktikum. Die Stelle fand sie sehr leicht. Ist ja logisch, welche Krippe hat nicht Lust eine hochmotivierte, verantwortungsbewusste, kinderinteressierte junge Frau während eines Jahres zu einem Lohn von 1000 Franken pro Monat zu verpflichten. Vollzeit versteht sich.

Magda wollte Anwältin werden. Um ein Anwaltspatent zu erwerben musste sie das Praktikum absolvieren. Der Lohn bei dem Anwalt war mies, die Behandlung unwürdig, aber Magda brauchte das Praktikum und biss sich durch.

Corinne wollte Lehrerin werden. Sie unterrichtete schon paar Jahre in Privatschulen. Sie war bei den Schülern beliebt, erfolgreich und hochmotiviert. Um das Diplom zu erwerben, bräuchte sie ein Praktikum. Das Praktikum war aber unbezahlt. Da sich Corinne ihre Ausbildung selber finanzieren musste, waren ihre Wochen elendslang gefüllt mit Arbeit von Montag bis Sonntag.

Jara putze. Sie hatte 5 Arbeitgeber. Nur ein Einziger zahlte für sie die AHV, die restlichen Aufträge waren ohne Versicherung, ohne Ferien, ohne Schutz, ohne Arbeitsvertrag. Jara war aber froh um ihre Arbeit. Seit sie allein mit ihrem Sohn geblieben ist und der geschiedene Mann immer wieder keine Alimente überwies, war sie auf jeden Franken angewiesen.

Ich kenne noch paar ähnliche Geschichten und frage mich jedes Mal, wo ist die Anlaufstelle, an die sich solche Leute wenden können. Ein Ort, wo ihnen nicht nur ein guter Rat erteilt werden kann, sondern wirklich effizient geholfen wird. Wo ist die politische Partei, die sich den Anliegen dieser nicht Organisierten, wenig informierten Arbeitnehmer annehmen könnte? Ich finde es beschämend, dass es solche Geschichte in der reichen Schweiz gibt, aber ehrlich gesagt, helfen kann ich meistens auch nicht.

Bildquelle: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s