Michaela Merz

Zugehörigkeit und Sprache

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20151106_PuppenIch habe eine Einladung für das Puppentheater bekommen. Der Kaspar und der tapfere Jakob stehen auf dem Programm. Ein Puppentheater wie es quer durch Europa an vielen Orten gibt. Das erstaunliche an dieser Theatervorstellung ist die Tatsache, dass es in Zürich auf Slowakisch gespielt wird. Und die Vorstellung ist voll. Etwa 200 Zuschauer schauen sich das Puppentheater an. Es ist für mich jedes Mal wunderbar und erstaunlich wie die slowakische Gemeinde im Ausland funktioniert. Was sie alles unternehmen, organisieren und auf die Beine stellen. Es wird getanzt, zu Ostern werden Eier gefärbt und Ruten gewoben, Märchen vorgelesen, gekocht und gemeinsam gefestet. Es gibt Slowakisch-Unterricht für Kindergartenkinder und für Schulkinder, einen Gottesdienst mit 150 regelmässigen Besuchern. Eine Menge gemeinnütziger Arbeit, unzählige Stunden für Organisation, Vorbereitung und Aufräumen gehen da rein. Offensichtlich halten die Slowaken auf eine beeindruckend starke Art und Weise zusammen. Und wie kam ich dazu? Ich bin wie auch mein Jüngster ihrer Sprache mächtig. So nehmen wir ab und zu an ihrem Gemeinschaftsleben teil.

Das bringt mich zum Nachdenken, was eigentlich eine Gemeinschaft zu einer Gemeinschaft macht. Es können ganz unterschiedliche Sachen sein, wie das Schicksal, die Religion, gemeinsame Werte, die Hautfarbe. Was es aber auch braucht, ist ein Kommunikationsmittel. Darum spielt die Sprache eine extrem grosse Rolle.

Ich mag mich erinnern als meine Freundin Janine einen Monat nachdem ‎ihr 5-jähriger Sohn in den Kindergarten eingetreten war, ernsthaft einen Umzug ins Auge gefasst hat und nach 7 Monaten die Gemeinde verlassen hat, in der sie 10 Jahre als junge Frau und dann als Familie gelebt hat. Der Grund war, dass ihr Sohn Paul das einzige Kind in der Klasse mit Muttersprache Schweizerdeutsch war. Vielleicht wäre auch das halb so schlimm gewesen, weil ziemlich alle Kinder Deutsch sprachen. Aber die deutsche Sprache, die sie benutzten, war mit Vulgarismen nur so gespickt und auf einem rudimentären Niveau. Höflichkeiten kamen nicht vor. Ich mag mich noch erinnern, wie sie mich völlig konsterniert angerufen hatte als ihr Paul am Spielplatz Worte benutzte, die sie nie im Leben in den Mund nehmen würde.

In der zweiten Woche weigerte sich der kleine Paul sein Lieblings T-Shirt anzuziehen, weil die anderen es doof fanden. Paul gehörte plötzlich einer anderen Gemeinschaft an, die meine Freundin Janine von aussen nicht beeinflussen könnte. Der einzige Weg, den Janine sah, war eine räumliche Flucht in ein wohlhabenderes Viertel. Irgendwie verständlich und ernüchternd zugleich.‎

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