Michaela Merz

Die SS Rotterdam

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Meine Eltern und meine Grosseltern hatten mich gelehrt das Handwerk zu schätzen. Ich habe mit meiner Mutter als Kind unzählige Scheunen, Keller, Dachstöcke, Abstellkammern, verfallene Häuser, Industrieruinen durchgekämmt auf der Suche nach alten Bauernmöbeln, Geräten, Werkzeugen. Meine Mutter hat einiges für die Nachwelt gerettet und sorgfältig restauriert, was sonst verloren gegangen wäre.

Das ergänzt mit unzähligen Besuchen in Museen, Ausstellungen, Schlösser und Burgen, hat mir eine unsystematische, aber sehr umfassende Ausbildung über Möbel und Werkzeuge der verschiedenen Epochen gegeben.

Ich bin selber handwerklich überhaupt nicht begabt, aber ich habe ein Auge für rare, durchgedachte, schöne alte Möbelstücke entwickelt, egal unter welch scheusslicher Farblast sie sich verstecken. Ich geniesse es alte Brockenhäuser zu besuchen und nach wahren Perlen zu suchen. Ich erfreue mich sehr an ihrer Perfektion. Kaufen tue ich schweren Herzens nichts, da meine Wohnung komplett eingerichtet ist und leider gar nichts braucht.

Jetzt war ich der Arbeit wegen in Rotterdam. Rotterdam ist eine pulsierende, moderne, spannende Stadt. Ich habe gestaunt und mich beim Eintreffen in der Stadt über die moderne Architektur gefreut. Meine Besprechung inklusive Übernachtung war gebucht auf der SS Rotterdam. Das ist ein Passagierseeschiff, gebaut Ende der 5Oer Jahre des letzten Jahrhunderts. Es war gemäss Auskunft das luxuriöseste Schiff der damaligen Zeit, das zwischen New York und Europa verkehrte. Heute könnte man seine Einrichtung als Vintage bezeichnen.

Ich liebe kleine Boote, die ich selber oder mit Freunden steuern kann. ‎Grosse Schiffe wecken in mir Misstrauen und Unwohlsein. Somit ist meine Beurteilung über einen Dampfer schon mal von vorne herein negative gefärbt. Nein, es war kein inspirierendes und erfreuliches Erlebnis. Ich habe 2 Tage ohne Tageslicht auf Deck A gearbeitet. In meiner Kajüte mit den alten Möbeln und neuen Vorhängen, die jedoch das knallrote Farbmuster mit blauen Punkten aufgenommen hatten, hatte ich ein sehr beklemmendes Gefühl.

Eine Kajüte, wo man selbstverständlich das Fenster nicht öffnen kann‎, wo die Decke niedrig ist und die Möbel den Charme einer nackten Glühbirne in einem leeren Raum verkörpern.

Ich kann SS Rotterdam jedoch gerne empfehlen. Man vergisst sie nicht und sie bringt einem zum Nachdenken, abgesehen von dem komischen Gefühl, das ich hatte.

Sie war einmal das luxuriöseste, begehrteste Schiff auf diese Erde, das sich nur die gut betuchten leisten konnten. Aber irgendwann hatte sie den Trend verschlafen. ‎Es gab andere, grössere, begehrtere. Für mich ist sie das perfekte Beispiel, das zeigt, dass sofern man sich nicht weiterentwickelt, dem Trend anpasst, sich neue Qualitäten nicht aneignet, man eine Notiz aus der Vergangenheit wird. Das gilt nicht nur für Schiffe, sondern auch für Gesellschaften, Leute, Ortschaften und Feste.

Falls ihr nach Rotterdam geht, bucht eine Übernachtung auf SS Rotterdam und überlegt, ob ihr genug in euch selbst investiert habt.

Bildquelle: Christian Strohhofer / pixelio.de

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