Michaela Merz

Einsamkeit einer berufstätigen Mutter

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81599_web_R_by_moschnifoto_pixelio.deAls die Stelle der Einsiedlerin in der Taminaschlucht ausgeschrieben wurde, haben sich trotz des relativ bescheidenen Lohns sieben Leute gemeldet. Ich kann es verstehen. Ich bin so gut wie nie allein respektive die paar Minuten des Alleinseins müssen akribisch geplant und sakrosankt umgesetzt werden. Unabhängig davon, was wir heute machen, wird das Erlebte mit einer anderen Person, aber vielleicht auch mit ein paar Millionen geteilt. Am Morgen um 6 gibt es vor dem Hallenbad Oerlikon eine kurze Warteschlange. In den Bahnen herrscht ab und zu ein Verdrängungskampf und Meditation beim Schwimmen ist nur dann möglich, wenn man die Umgebung ausblendet. Im Wald beim Joggen ist man sobald es hell ist in Zürich selten allein und am Abend ist der Wald fast so voll wie die Innenstadt. Über die öffentlichen Verkehrsmittel muss man gar nicht sprechen und Kantinen oder Restaurants sind über die Mittagszeit wegen des oft zu hohen Lärmpegels für Gespräche ungeeignet. Einkaufen am späten Nachmittag/frühen Abend erinnert an einen Ameisenhaufen und nur dank der Kassen, wo man seinen Einkauf selbst erfassen kann, lassen sich elende Staus vermeiden. Klar, im Ausgang, sei es im Theater, Konzert oder einer Lesung, gehören die Leute einfach dazu. Ebenfalls wie zu einem Elternabend oder beim Schwimmtraining des Nachwuchses.

Eine erwerbstätige Mutter hat dazu noch unzählige Reisen mit dem Nachwuchs zu allen möglichen und unmöglichen Kindergeburtstagen, Wettkämpfen, Kollegen und Zahnarztbesuchen. Am Ende des Tages, könnte man meinen, jetzt geht der Nachwuchs schlafen, jetzt bekomme ich eine halbe Stunde und rufe die Mutter, Tante oder den Paten an, um für nächsten Samstag abzumachen. Meistens ist es aber so, dass ich es am Abend knapp schaffe die Gutenachtgeschichte zu erzählen und schlafe innerhalb von Minuten selbst. ‎Sehr oft noch vor dem schulpflichtigen Nachwuchs.

Unterwegs in New York, London, Hongkong staune ich über die Massen und denke, dass in bestimmten Städten ein effektives Alleinsein ausserhalb der eigenen vier Wände kaum möglich ist. Sofern man Familie hat, ist es trotz der eigenen vier Wände kaum möglich.

Höchstwahrscheinlich haben nicht alle das Bedürfnis allein sein. Ich habe einige Kollegien, die sich unwohl fühlen, wenn sie niemandem in der Nähe haben. Ich brauche es um zu denken, träumen, Visionen zu entwickeln und mich und mein Tun kritisch zu hinterfragen.

Jetzt ist mein Kleinster mit einer Liste gekommen. Seine krakeligen Buchstaben und grammatikalischen Fehlern zeigen, dass er am Anfang seines Schreib-Curriculums steht. Es ist eine Einkaufsliste. Er braucht Bretter, Nägel, Glas, Plastik, eine Leiter und Farbe. Was es wird, wollte ich wissen. „Ein Baumhaus“, sagte er, er braucht ein Haus, wo er sich zurückziehen kann und nicht gestört wird. In sein Zimmer kommt ständig jemand rein und will von ihm, ‎dass er den Kompost rausträgt, die Abwaschmaschine ausräumt, die Hausaufgaben macht. Er braucht ein bisschen ungestörte Zeit für sich.

Alles klar dachte ich mir. Das Bedürfnis nach Alleinsein hat nicht mit einer berufstätigen Mutterschaft zu tun, sondern wahrscheinlich mit der Persönlichkeit und den eigenen Interessen.

Es leben die Baumhäuser, in denen man das Alleinsein ein paar Minuten oder Stunden geniessen kann.

Bildquelle: moschnifoto / pixelio.de

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