Michaela Merz

Der Kuss

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Marina ist 46, hat zwei Kinder im Teenie-Alter und erlebte erst vor kurzem eine Trennung. Und diese Trennung hat sie noch nicht verdaut. Es klingt brutal, aber es beschreibt ihren Zustand am besten. Ab und zu füllen sich ihre Augen ohne Grund mit Tränen. Gelegentlich wird sie mitten in unserer Diskussion still und schweigsam.‎ Sie liebt ihn immer noch, er sie aber offensichtlich nicht mehr. An seiner Seite spaziert jetzt eine junge Dame, die nur wenig älter ist als seine Tochter. Die alte, sich immer wieder wiederholende Geschichte. Marina tut mir leid, aber ich kann ihr nicht helfen. Niemand kann ihr helfen, nur sie sich selbst, dachte ich.

Wir – das bedeutet ich, sie und ihre zwei Kinder – sind in das Sommertheater gegangen. Es war ein sehr warmer Juliabend, wolkenlos und farbig, einfach perfekt um draussen zu sitzen und ein Theaterstück zu‎ verfolgen. Nach Ende des Stückes haben wir alle lachend die offenen Theaterbänke verlassen. Alle ausser Marina. Keine Ahnung worüber sie nachgedacht hat, keine Ahnung, was ihr durch den Kopf gegangen ist. Glücklich und befreit sah sie nicht aus. In dem Moment bemerkten wir einen Geiger mit pechschwarzen Haaren, knapp über 30, mit einem Hut und komischen schwarzen Kleidern, mit Hosen eng über die Oberschenkel und dann ab Knie sich verbreiten wie eine Glocke. Er sah dämonisch aus. Etwas Dunkles, Zerstörerisches, aber gleichzeitig Anziehendes umgab ihn. Er spielte nicht. Er stand da mit der Geige in der Hand. Marina bemerkte ihn gar nicht, sie war mit sich selbst beschäftigt. Da machte er zwei grosse Schritte zur Seite und stand vor ihr. So nah, dass es ihr unangenehm sein müsste, dachte ich. Er brachte seine Lippen an ihr Ohr und flüsterte etwas, was keiner von uns verstehen konnte. Marina begann zu lachen. Erst klein und verlegen, aber dann immer breiter. Und plötzlich legte er seine Hand um ihre Schultern, drückte sie an sich und küsste sie. Auf so was war ich nicht wirklich vorbereitet. Ich bin wie auch die Kinder von Marina stehen geblieben und wusste nicht was zu tun. Ich erwartete, dass sie ihn von sich wegschubst, dass sie kämpft oder um unsere Hilfe ruft. Nichts von dem passierte. Sie umarmte ihn fest und küsste ihn so leidenschaftlich wie man es sonst in Liebesfilmen sieht.

Ich war überrascht. Das war nicht die Marina, die ich kenne. Es dauerte lange, ewig lange. Dann befreite sich Marina aus seiner Umarmung, küsste ihn kurz auf seine dunklen Lippen und ging lachend weiter. Wir drei gingen schockiert und völlig überrascht schweigsam hinterher. Der Geiger nahm sein Instrument und spielte süss, verführerisch und traurig. Seit dem Tag weint Marina nicht mehr. Offensichtlich gibt es ein Mittel gegen Trennungsschmerz, das ich noch nicht kenne.

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