Michaela Merz

Cyclope – das poetisch verrückte Spektakel frei nach Jean Tinguely

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Es gibt Vorstellungen, die kaum angefangen haben, schon zu Ende sind, weil sie einfach so gut und spannend sind, dass man gar nicht merkt wie schnell die Zeit vorbei fliegt. CYCLOPE ist so eine! In einer alten Fabrikhalle, in der früher Lokomotiven gebaut wurden. Aus einem grossen Haufen zusammenmontiertem Schrott entsteht poetische Leichtigkeit untermalt mit eindringlicher Live Musik und höchstem artistischen Können. Wenn dann der Cyclope zum Leben erweckt wird, mit seinem einem Auge den Artisten über die Bühne folgt und durch seine Traurigkeit sich die Lippen ‘ersinkt’, ist man durch die Fantasie und Reichtum der Ideen und ihre tolle Umsetzung einfach nur überwältigt. Ja, Karls Kühne Gassenschau bleibt ihrem Ruf nichts schuldig.

Die Maschine gebaut nach Inspiration von Jean Tinguely‎ weckte in mir Erinnerungen auf an mein Bett. Meine erste Wohnung war uralt. Ohne Badezimmer, mit geteilter Toilette im Korridor mit Kohlenheizung. Was aber einmalig war, waren die hohen Räume. Die Zimmerhöhe war 3.60m. Das Raumgefühl einfach unbeschreiblich. Zum Heizen sehr unpraktisch und fast unmöglich. Um den Raum zu nutzen, entschied ich mich, mein Bett in 2 Meter Höhe zu bauen. Ich überlegte mir, dass ich es aus Baugerüststangen bauen könnte, auf die ich Holzbretter und darauf eine breite Matratze legen würde.

Das klang einfach, war es aber nicht. Ich konnte alte rostige Baugerüststangen kaufen und da das Geld bei mir sehr knapp war, trug ich sie zu Fuss quer durch halb Prag, eine nach der anderen mit Hilfe verschiedener Freunde nach Hause. Für den Transport hatte mein Geld nicht gereicht. Es dauerte eine Ewigkeit bis ich sie abgeschmirgelt und weiss lackiert hatte‎ und noch mal unzählige schweisstreibende Märsche bis ich die Bretter nach Hause geschleppt hatte.

Mit Hilfe eines handwerklich begabten Kollegen haben wir sie zwischen den Wänden aufgestellt und ein Wunderwerk vollbracht. Mein Bett in luftiger Höhe war einfach beeindruckend. Dort oben so hoch fühlte ich mich sicher und geborgen. Mein Bett hatte nämlich keine Leiter. Das bedeutete, dass man irgendwie nach oben klettern musste. Das ist mit 20 Jahren, wenn man sportlich ist, kein Problem. Der einzige Nachteil ist mitten in der Nacht, wenn man das Bett verlassen muss. Irgendwann bei der ersten Grippe habe ich gemerkt, dass mein Bett im Falle einer Krankheit eine wahre Herausforderung ist. Ich löste es mit Hilfe meines Bücherregals, das ich so platzierte, dass ich es zur Not als Stufen benutzen konnte, um überhaupt in mein Bett klettern zu können.

All meine Kollegen haben mein Werk bewundert und ich war mächtig stolz. ‎Als mich jemand fragte, warum ich keine Leiter habe, antwortete ich als Spass, dass es sich um einen Test als natürliche Selektion für meine Liebhaber handelt – wer nicht nach oben kommt, ist sowieso unerwünscht. Dies weckte bei den Männern in meinem Freundeskreis das unglaubliche Bedürfnis, sich zu beweisen. Es war selbstverständlich gelogen, da ich katholisch erzogen war und lebenslang immer monogam war. Aber der Paul, eher klein und ungeschickt, wollte es sich und uns beweisen, dass er diese Selektion auch übersteht. Es hat komisch ausgesehen, als er probierte nach oben zu klettern. Es war aber gar nicht so einfach und irgendwann waren seine Hände so verschwitzt, dass er sich nicht mehr halten konnte und kopfvoran auf dem Boden gelandet war. Gebrochen hat er sich nichts, aber er zog sich eine mittelschwere Gehirnerschütterung zu, mit der er ein Monat lang zu Hause bleiben musste.

Das Renommee meines Betts erhöhte sich ins Unermessliche.‎ Ich sprach aber ein strenges Verbot von nicht eingeladenen Versuchen aus und somit wurde mein Bett noch mystischer. Geendet hat es sehr prosaisch. Als ich wegzog und die Räume in meiner neuen Wohnung nur noch 2.30m hoch waren, musste ich schweren Herzens mein phänomenales Bett abreissen und als Baugerüststangen wieder verkaufen. Es hat mir sehr wehgetan. Das war nämlich das einzige mystische Bett, das ich je besass.

Link: http://www.cyclope2014.ch/

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Bildnachweis: André Juchli

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