Michaela Merz

Schwermutbekämpfung

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Mein kleinster (6 Jahre alt) ist am Samstagmorgen zu mir ins Bett gekrochen. Es war kurz nach seinem Aufwachen und er war traurig. Unendlich traurig. Seine beste Freundin ist nach Deutschland umgezogen. Er wird sie vielleicht nie mehr wieder sehen. Er hatte keine Lust aufzustehen und trauerte der Verlorenen nach.

Ich verstand seinen Schmerz sehr gut. Wie oft verlieren wir etwas, was wir lieb gewonnen haben, wie oft müssen wir uns von etwas trennen, was uns wertvoll und unersetzbar ist. Jetzt nützte es aber nichts zu philosophieren oder sich im Schmerz zu suhlen, sondern es brauchte praktische Lösungsvorschläge, um die beginnende Schwermut zu bekämpfen. Meine Vorschläge sind meistens einfach. Ich bin der Meinung, dass man es mit “etwas zu tun“ bekämpfen sollte. Mein Vorschlag, dass wir mit dem Velo beim Beck Gipfeli holen werden und das Frühstück im Park veranstalten, ist aber auf mässige Begeisterung gestossen.

Ich habe mich durchgesetzt. Nach kurzem Zähneputzen flitzten wir mit den Velos durch den Wald und die physische Anstrengung des Berges verdrängte die Trauer meines Jüngsten aus seinen Gedanken. Anschliessend kauften wir Butter und Gipfeli und fuhren in den Park. Es war immer noch sehr früh am Morgen und weit und breit kein Mensch zu sehen. Nur die liebliche Stimme eines Saxophons begleitete unser Frühstück im Park. Erst dachten wir, dass die Musik aus dem Radio kommt, aber allmählich sah es eher danach aus, dass jemand in aller Früh im Park seine Übungen machte.

Wir assen still und hörten dem wunderbaren Spiel zu. Der Saxophonist spielte und spielte und es war so wunderschön, dass es uns wie in einem Traum vorkam. Wer ist das? Wer spielt so voller Sehnsucht und Hingabe? Wir begannen zu suchen. Aber es war schwieriger als wir dachten. Das Instrument war klar zu hören, aber kein Weg führte zu ihm. Wir mussten durch das Gebüsch bis nach oben zum Hack der Zivilschutzanlage und da versteckt im Gebüsch von nirgendwo zu sehen, spielte ein kleinerer Mann mit so einer Hingabe, dass einem das Herz überging. Als er uns sah, ging er weiter in das dichte Gebüsch und signalisierte uns eindeutig, dass er nicht gefunden werden will. Wir hörten noch eine Zeit lang zu, dann nahmen wir unsere Velos und fuhren nach Hause.

Die Trauer war weg, es blieb ein wunderbares Gefühl des Erlebten, ein kleines Geheimnis. Jeden Samstagmorgen schauen mein Sohn und ich uns an und stimmen uns ab, ob wir im Park dem Saxophonisten zuhören gehen wollen. Seitdem ist er aber kein zweites Mal gekommen.

Vielleicht war es doch nur ein Traum, den wir gemeinsam geträumt hatten.

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