Michaela Merz

Die Wut der Verzweifelten

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Es ist Sommer. Endlich warm und wir gehen ins Freibad schwimmen und spielen. Gestern waren wir Zeugen einer unglaublichen Szene. Zwei Jungs haben am Rand des grossen Beckens gekämpft. Nein, nicht wirklich, es war kein richtiger Kampf. Der Kleine hat sich verteidigt und gewehrt und der Grössere, überlegenere hat Zentimeter für Zentimeter den Kleineren näher zum Wasser gedrängt. Beide waren angezogen und hielten Taschen in der Hand.

Der Grosse war wie aus dem Katalog. Etwa 17 Jahre alt, blond, muskulös und makellos hübsch. Der andere, 3 oder 4 Jahre jünger, war schmal, bleich und sah echt unsportlich aus, mit kurzen schwarzen Haaren und leicht abstehenden Ohren. Sieger und Verlierer standen bereits fest. Und erst als ich näher bei beiden war, sah ich die Verzweiflung des Jüngeren, seine Ohnmacht, die grenzenlose Verlorenheit in seinem Gesicht. Aber es war ihm nicht zu helfen, der Grössere schupste ihn lachend ins Wasser und ging zum nahen Kiosk.

Ich kümmerte mich um den Verlierer. Physisch war ihm nichts passiert und die Kleider würden schnell trocknen. Aber sein geistiger Zustand war besorgniserregend. Er wirkte desorientiert, schluchzte und zitterte. Ich versuchte ihn mit Worten zu beruhigen, aber es schien, dass meine Worte gar nicht ankamen. Er hörte mich nicht und mir gelang es nicht mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Er murmelte mit unglaublichem Hass in der Stimme “mein Bruder, das Schwein, mein Bruder, das Schwein“ und seine Gesichtszüge wurden härter. Dann stand er auf. Und begann in Richtung Kiosk zu laufen. Ich bemerkte eine leere Glasflasche in seiner Hand. Keine Ahnung wann er sie wo aufgehoben hatte. Er lief auf den grossen blonden Junge zu. Seine Wut, seine Verzweiflung waren wie negative Schwingungen, die in der Luft spürbar waren. Ich wusste wirklich nicht, was ich in dieser Sekunde machen sollte. Der grosse blonde Junge bemerkte ihn jedoch und wartete auf den Angriff. Ich weiss nicht was er genau tat, es war zu weit weg, aber es schien wie wenn der Jüngere über sein Bein stolperte.

Er landete hart am Betonboden neben dem Kiosk und die Flasche zerschellte in viele kleine Stücke. Der Grosse drehte sich um und ging weg, der Kleine setzte sich und berührte sein Gesicht. Die Lippe war geplatzt und blutete. Er sass am Boden und weinte. Der gedemütigte verlassene Verlierer, dem man scheinbar nicht helfen konnte. Aber man konnte ahnen, dass sich das alles irgendwo in seiner Seele sammelt. Ich dachte, dass es ein Tag geben könnte, an dem die leere Glasflasche ihr Ziel nicht verfehlen wird.

Zu gewinnen scheint in unserer Kultur wichtig und immer wichtiger zu sein. Der Modus, dass der Gewinner alles bekommt und alle anderen leer ausgehen, ist in unserem Tun oftmals allgegenwärtig und wird weiterhin forciert. Ausgeblendet bleibt die Tatsache, dass wo es Gewinner gibt, es immer auch Verlierer gibt.

Die Wut und Verzweiflung der Verlierer können dazu führen, dass man eine leere Glasflasche in die Hand nimmt. Daher müsste das Konzept win win heissen. Nur wo alle profitieren, lässt es sich in Ruhe leben.

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