Michaela Merz

Huis Ter Duin oder Messlatte der Wichtigkeit

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Oft erkennt man einen Chef an der Grösse und Schönheit seines Büros. Die Chefetage ist die oberste mit dem schönsten Blick. Die Wichtigkeit der Person kann man nach zugeteilten Quadratmetern messen. Je mehr Quadratmeter, umso wichtiger die Person. Und es spielt auch keine Rolle, dass sich die Person dort so gut wie nie aufhält. Status ist Status. Nicht dass dieses Phänomen immer gilt. In hierarchisch geführten Unternehmen ist es aber noch die Regel. In erfolgreichen Start-ups und demokratisch geführten Firmen stellt sich der Chef gleich mit den anderen Angestellten und das Phänomen geht verloren.

Wenn man eine Konferenz besucht, wiederholt sich etwas Ähnliches. Die Wichtigen bekommen die Zimmer mit Seeblick, Meeresblick, die Suiten, die anderen was übrig bleibt. Ich bin gewohnt, bei solchen Gelegenheiten winzig kleine Zimmer mit Fenster zum Hof, in die Küche, Zimmer neben dem Lifttechnikraum zu haben. Ist ja egal. Ich halte mich in diesen Zimmern nur kurz zum Schlafen und Zähne putzen auf. Dann spielt es sowieso keine Rolle. Und da ich die Suiten gar nicht kenne, kann ich auch nicht neidisch sein.

Ich fuhr zu einem internationalen Kongress in Noordwijk, Holland. Als ich ankam, bekam ich an der Rezeption das Zimmer 1111 und die Anweisung, den linken Lift zu nehmen. Ich ging zum Lift und siehe da, es gab nur 10 Etagen. Wo wohne ich nun? Gibt es eine kleine Zeltstadt auf dem Dach?

Ich marschiere zurück zur Rezeption und die Dame erklärt mir noch mal geduldig, dass ich den linken oder den rechten Lift nehmen kann und dann noch laufen muss. Ich fahre in den 10. Stock und bin gespannt, was mich erwartet. Zimmer ohne Fenster? Aber als ich aussteige und die Treppe in den 11. Stock nehme, merke ich, dass ich bei den Suiten gelandet bin. Oh mein Gott, denke ich mir, das muss ein gewaltiger Irrtum sein. Zimmer 1111 ist eine Wohnung etwa drei Mal so gross wie meine allererste Wohnung. Ich bin sprachlos, in so einem Luxus habe ich noch nie gewohnt. Noch dazu mit fantastischem Blick auf das Meer. Und sie ist wirklich für mich gedacht, weil auf dem Tisch die persönliche Begrüssung durch den Hoteldirektor liegt. Ich geniesse ein paar Minuten den Luxus, aber dann rufe ich alle meine Kollegen an und lade sie zum gemeinsamen Arbeiten ein. Sie kommen und wir arbeiten, trinken Kaffee, diskutieren und meine Suite wird wunderbar genutzt. Wird die Wichtigkeit wirklich in Quadratmetern gemessen? Dann bin ich heute wichtig!! Nächstes Mal hätte ich aber eine bessere Verwendung für so ein Zimmer.

Am Freitag stand ich sehr früh auf, zog meine Turnschuhe an und ging laufen. Es ist je ein tolles Gefühl auf dem leeren Strand gegen leichten Wind zu laufen, dem grollenden Meer zuzuhören und den Wellen im letzten Moment auszuweichen. Nach dem Laufen ist Duschen angesagt. Im Bad lasse ich die Tür zum Schlafzimmer offen. Warum auch nicht, ich bin schliesslich ganz allein. Frisch geduscht mit herrlichem Gefühl stehe ich vor dem Spiegel und kämme mir die Haare. Und plötzlich sehe im Spiegel hinter mir einen Mann. Ich bin nicht ängstlich, aber ich wünsche im Badezimmer keine Zuschauer. Ich drehe mich um und realisiere, dass er auf meinem Balkon steht und in mein Badezimmer starrt. Dann dreht er sich langsam um und geht weiter.

Ich schickte dem Hoteldirektor ein verwundertes Mail. Und er hat sich bei mir sofort entschuldigt. Ja, ja, die Fenster müssen regelmässig geputzt werden, aber so was sollte nicht vorkommen.

Man sieht, auch Suiten können ihre Tücken haben.

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