Die Geschichte der “alten Dame“ im Sudetenland

Als Kind habe ich immer einen Teil der grossen Sommerferien in einem kleinen Kaff verbracht. Aber für mich war es ein Paradies. Viele zerfallene Häuser, unendliche Wälder, Kirschbäume mit süssen Kirschen, die niemandem gehörten, und eine Schar gleichaltriger Kinder.

Vor dem 2. Weltkrieg bestand das Dorf aus 36 Häusern, einem Schulhaus und einem Gasthaus. Als ich das Dorf kennenlernte, waren nur 3 der Häuser während des ganzen Jahres bewohnt.

Als Kind habe ich nichts von der Geschichte des Ortes verstanden. Erst viel, viel später. Ich habe meine Ferien in einem Dorf verbracht, in dem die ehemaligen deutschen Bewohner mit wenigen Habseligkeiten ihr eigenes Dorf nach dem verlorenen Krieg verlassen mussten.

Der einzig übriggebliebene war Willy. Warum er geblieben ist, weiss ich bis heute nicht?!? An uns Kinder hat er immer wieder Kaugummi verteilt. Aber er war sehr sonderbar und wir haben lieber einen grossen Bogen um ihn gemacht.

Die leeren Dörfer wurden nach dem 2. Weltkrieg neu besiedelt. In mein Feriendorf ist ein Ehepaar gezogen und ihre 3 Kinder haben 3 Häuser besetzt. Als ich dieses Ehepaar kennenlernte, waren sie in meinen Augen schon alt.

Die „alte Dame“ sass oft nachmittags auf einer Bank vor dem Haus und sang Lieder in einer Sprache, die ich nicht verstand. Einen Sommer habe ich einen Monat in Ungarn verbracht. Ich lernte paar Brocken Ungarisch sowie ein paar Kinderlieder. Als ich in der zweiten Hälfte der Ferien in das Dorf zurückkam, sang ich unbewusst eines dieser Lieder. Sie hörte mich und rief mich zu sich. Ich musste alle vorsingen, ihr die gelernten Worte vorsagen. Sie lachte glücklich. Von diesem Moment an musste ich jedesmal, wenn ich in ihrer Nähe war, mindestens eines dieser Lieder vorsingen.

Eines Tages erzählte sie mir ihre Geschichte. Vor ihrer Heirat, als junges Mädchen hatte sie in Budapest gearbeitet. Sie sagte, dass dies die glücklichsten Tage ihres Lebens gewesen wären. Sie wiederholte mehrmals, dass sie nicht heiraten hatte wollen. Sie wollte einfach nicht.

Heute stelle ich mir vor, wie schwer das sein musste eine Grossstadt für ein verlassenes Dorf mitten in den Wäldern zu verlassen.

Als Kind habe ich Vieles nicht verstanden. Heute denke ab und zu über ihr nicht einfaches Leben nach. Meine ungarischen Lieder sang ich bis zu ihrem Tod. Sie starb blind und sehr alt. Aber ich denke, sie war mit sich und der Welt im Reinen.

Leave a comment