Wagners Nibelungenring

Ich war mit meinem Sohn im Opernhaus: Wagners Nibelungenring für Kinder. Die Vorstellung war restlos ausverkauft. Da ich spät dran war mit dem Kauf der Billette, konnte ich nur zwei Plätze hintereinander ergattern. Das macht meinem Sohn und mir nichts aus. Er ist zwar erst fünf, teilt aber schon jetzt meine Begeisterung für Opern und Musik. Er weiss, dass er still sitzen und zuhören muss. Aber meistens ist noch nicht einmal das ein Thema, weil er ohnehin begeistert mit den Augen an den Darstellern klebt.

Die Kindervorstellungen im Opernhaus Zürich sind fantastisch. Die Kostüme sind farbenfroh, die Gestaltung und die Kulissen freundlich und mit viel Liebe fürs Detail und Fantasie gemacht. Auch bedrohliche Szenen, wie zum Beispiel wenn Siegfried, der das Fürchten nicht kennt, gegen den sich in einen Drachen verwandelnden Fafner kämpft und ihm Teile des Körpers abhackt, wirken harmlos und verspielt. Richtig für Kinder gemacht, um sie als zukünftige Zuhörer und zahlendes Publikum zu gewinnen.

This slideshow requires JavaScript.

Dieses Mal war es aber nicht Freude, sondern pure Qual: Rechts hinter mir sass eine Familie mit zwei kleineren Kindern. Links hinter mir sass eine Mutter mit etwas grösseren Töchtern. Die Musik begann und er und ich freuten uns. Aber die beiden Mütter redeten ununterbrochen weiter. Sie sprachen beide slawische Sprachen: Die eine Russisch und die andere Serbokroatisch. Sie kommentierten für ihre Kinder was so auf der Bühne geschieht. Und sie kommentierten ohne eine Pause zu machen. Es war zum Verzweifeln. Ich kam mir vor wie auf einem Bahnhof, auf dem auf einen Fetzen von Dialogen von Vorbeigehenden, gemischt mit Lautsprecherdurchsagen einprasseln.

Anfangs hatte ich noch die leise Hoffnung, dass beide Mütter schweigen würden, wenn die Darsteller anfangen zu singen. Dann musste ich aber mit Schrecken feststellen, dass sich das Opernhaus etwas Neues hat einfallen lassen: Der gesungene Text wurde auf einer Leinwand hoch über der Bühne projiziert! Eine schlechte Idee, wie sich später zeigen sollte.

Ich habe noch nie in meinem Leben versucht, während einer Oper zu verstehen, was der Darsteller singt. Wozu auch? Nur leider ratterte die eine Mutter hinter mir ihre Simultanübersetzung in einer Lautstärke herunter, die es mir unmöglich machte, mich auf den Gesang zu konzentrieren. Ich fragte mich, was ein 4-jähriger davon hat, wenn er erfährt:”Auf wonnigem Munde weidet mein Auge: in brünstigem Durst doch brennen die Lippen, dass der Augen Weide sie labe!” und Ähnliches wie der Siegfried es da für seine Brünnhilde gesungen hat. Ungefähr 15 Minuten habe ich es ertragen, dann war mein Schmerzpunkt erreicht.

Ich drehte mich zu ihr um und bat sie höflich aufzuhören. Sie schlug mir vor, dass ich mich doch woanders hinsetzen solle, wenn es mich stört. Immerhin sei es ja eine Kindervorstellung. Für einige Minuten war ich sprachlos und dreht mich wieder nach Vorne. Dann unternahm ich noch einen Versuch. Ich drehte mich erneut nach der Mutter um und bat sie noch einmal höflich, den Kindern den Text zumindest zuzuflüstern, nicht aber in normaler Lautstärke mit den Kindern zu sprechen.

Daraufhin antwortete sie mir, dass ich eine rücksichtslose Schweizerin sei, die keinerlei Verständnis für fremdsprachige Kinder habe. Ich solle doch das nächste Mal keine Kindervorstellung besuchen. Überhaupt, was mache ich überhaupt da, wenn es mich stört und ich noch nicht einmal ein Kind dabei habe?!?

Ich sagte nichts und drehte mich wieder nach Vorne um. Es war mir einfach zu doof mit ihr, mitten in der Vorstellung und dazu noch mitten im Opernhaus zu streiten. Immerhin wurde sie leiser und flüsterte den Rest der Vorstellung mit ihren Kindern. Später musste ich feststellen, dass ihre zwei Kinder sehr wohl deutsch sprechen konnten. Immerhin sprachen sie so mit ihrem Vater, der auch in der Vorstellung mit dabei war. Sie waren einfach zu klein und konnten noch nicht lesen.

Wieder einmal geht es mir um Toleranz und gemeinsames Zusammenleben. Vereinfacht gesagt: Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beschränkt wird. Eine Oper ist für mich ein sinnliches Erlebnis, dass von der Bühne ausgeht. Gerede im Publikum jeder Art ist während der Vorstellung eine Todsünde. Aber vielleicht müssen diese für mich selbstverständlichen Grundsätze in der Zukunft auf die Eintritts-Billette gedruckt werden:

„Bitte seien Sie während der Vorstellung still.“ – Auch bei Kindervorstellungen.

One thought on “Wagners Nibelungenring

Leave a comment