
Gestern habe ich Barbara Tettenborn (https://www.linkedin.com/in/barbara-tettenborn-39887ab/) zugehört. Eine beeindruckende, inspirierende Persönlichkeit, die – so scheint es – alles erreicht hat, was sie wollte. Sie ist beruflich sehr erfolgreich und gehört im Triathlon zur Spitze in ihrer Alterskategorie. Einseitig erfolgreiche Menschen kenne ich einige, aber eine solche Kombination ist selten. Sie erzählte gestern, dass sie seit ihrer Kindheit Professorin werden wollte – ohne genau zu wissen, was das eigentlich bedeutet oder in welchem Fachgebiet. Ihr extrem starker Wille, beinahe unmenschliche Disziplin, Klugheit und ein bisschen Glück haben ihr eine Bilderbuchkarriere ermöglicht. Ihr zuzuhören lohnt sich.
Ich bin mir gewohnt, andere Geschichten zu hören.
Lydia wollte Coiffeuse werden. Doch die Busverbindungen aus ihrem Dorf waren zu schlecht. Sie konnte die Lehrstelle nicht antreten, weil sie dreimal pro Woche eine weite Strecke zu Fuss hätte zurücklegen müssen. Verkehrstechnisch war die kaufmännische Lehre einfacher – dort gab es keine Spätschichten, und Lydia konnte morgens mit dem Bus hinfahren und am späten Nachmittag zurückkehren. Die Lehre schloss sie mit gutem Resultat ab und trat ihre erste Stelle an. Es war lustig dort, aber nach einer gewissen Zeit vielleicht auch ein bisschen langweilig. Nachdem sie etwas gespart hatte, machte sie eine dreimonatige Reise nach Südamerika. Dafür musste sie ihre Stelle kündigen. Als sie zurückkam, war diese bereits besetzt, und sie musste sich neu orientieren. Sie verspürte das Bedürfnis, in der Nähe ihrer ehemaligen Kolleginnen zu bleiben und weiterhin mit ihnen zum Mittagessen gehen zu können. Zufällig entdeckte sie eine offene Stelle im Nebengebäude, auf die sie – laut Beschreibung – gut passte. Sie bewarb sich und bekam die Stelle, ohne eigentlich zu wissen, was die Firma genau machte. Es war eine Beratungsgesellschaft, und Lydia lernte mit der Zeit immer mehr dazu. Irgendwann konnte sie einfache Anfragen selbst bearbeiten. Sie machte eine Zusatzausbildung und wechselte die Abteilung. Eines Tages wurde sie von einem Kunden gefragt, ob sie nicht Lust hätte, die Compliance-Abteilung bei ihm aufzubauen – und sie sagte Ja. Einige Jahre später leitete sie diese Abteilung, inzwischen mit mehreren Mitarbeitenden. Und das alles, weil der Bus nicht mehr so spät ins Dorf fuhr – aber eben nicht nur deswegen.
Oder unsere erste Teamsekretärin mit eingewanderten Eltern aus Asien, die damals noch die von Hand geschriebenen Steuererklärungen sorgfältig in die Formulare auf der Schreibmaschine abtippte. Doch sie tippte nicht einfach, sie dachte mit. Mehrmals kam sie zu mir, weil ihr etwas in der Vorlage keinen Sinn ergab – und sie hatte gute Überlegungen. Ich ermutigte sie, die Fronten zu wechseln und selbst Steuerberaterin zu werden. Die Idee gefiel ihr, und sie fragte unseren damaligen (männlichen) Chef. Der war fortschrittlich genug, es ihr nicht zu verbieten. Er sagte: Wenn sie jemanden finde, der bereit sei, ihr alles beizubringen, könne sie es versuchen. Ich war bereit, es ihr beizubringen. Heute führt sie ihr eigenes kleines Büro und betreut komplexe internationale Fälle.
Ich könnte viele solcher Frauengeschichten erzählen. Meine Lieblingsgeschichte ist die eines kleinen Flüchtlingsmädchens, das in die Schweiz kam und gerne Schach spielte. Ins Gymnasium aufgenommen zu werden, war damals jedoch nicht möglich. Sie bekam aber die Gelegenheit, gegen den Rektor des Gymnasiums ein Schachspiel zu bestreiten – und setzte ihn prompt schachmatt. Daraufhin setzte sich der Rektor für ihre Aufnahme ein. Sie studierte Sprachen, weil sie diese liebte, und wurde CFO eines grossen, bekannten Unternehmens. Denn Intelligenz und Wille allein reichen oft nicht – es braucht auch Glück.
Warum werden Mädchen noch immer nicht dazu motiviert, Ärztinnen, Professorinnen, CEOs oder Präsidentinnen zu werden? Warum gibt man ihnen diese Ideen nicht schon im Kindesalter mit auf den Weg – und damit die Möglichkeit, nach den Sternen zu greifen? Warum echt?