
Irma war eine zierliche Blondine. Nicht von Natur, aber wen interessiert das heute schon, was das Original und was künstlich ist (ausser es geht um Picasso). Als sie klein war, hat sich Irma nicht als hübsch betrachtet und die langen blonden Haare waren ein Schritt in die gewünschte Richtung. Mit dem steigenden Alter brauchte es weitere Hilfestellungen durch Schönheitsbehandlungen, um das Image der alterslosen, zierlichen Blondine aufrechtzuerhalten.
Mit der Zeit hat Irma die Rolle der naiven Blondine perfektioniert. In Gruppendiskussionen vertrat sie hoch selten eine Meinung, mehrheitlich stellte sie Fragen. Sie hatte wohl eine sehr gefestigte Meinung, war aber nicht bereit, es mit den anderen zu teilen. Sie brauchte die Informationen über die anderen, um sie dann gegen sie zu verwenden, sollte es nötig sein. Irma hasste offene Konfrontationen und wenn immer möglich, hatte sie offen ausgetragene Diskussionen gemieden. In ihrer Sprache nutzte Irma die Superlative. Alles war fantastisch, ausgezeichnet und wunderbar, auch wenn gerade das Gegenteil passierte.
Irma wirkte im Stillen. Sie zeigte sich kooperativ, hilfsbereit und verständlich, aber das galt nur gegenüber ihrem Vorgesetzten. Gegenüber ihren Kollegen zeigte sie sich ebenfalls kooperativ, hilfsbereit und verständlich, aber tat das Gegenteil. Ihr wurde schlussendlich auch Nichts geschenkt. Falls notwendig, konnte sie wirklich fies sein, aber nie offen, nie zur Schau gestellt. Sondern nur im Verbogenen. Unsichtbar.
Sie hat auf einem Projekt gearbeitet, welches ihr endlich ermöglichen sollte, für ein halbes Jahr ins sonnige Kalifornien, zu der amerikanischen Muttergesellschaft, geschickt zu werden. Es war viel Arbeit, sie nutzte die jüngeren Mitarbeiter geschickt ein, aber erlaubte nie, dass sie die ganze Tragweite verstehen, sondern gab ihnen nur Teilinformationen. Die von ihnen erarbeiteten Einzelsteine fügte sie dann zu ihrem Projekt hinzu. Doch obwohl sie sehr viel gearbeitet hatte und eigentlich mit dem Resultat und ihrer Arbeit zufrieden war, hatte sie das Gefühl, dass ein WOW Effekt fehlt. Die neue Praktikantin kam wie gerufen. Kaum jemand hatte in dieser hektische Phase Zeit für die Praktikantin und wer würde für jemand der nur 6 Monate im Betrieb bleibt, Zeit verschwenden?
Irma gab der Praktikantin das Endresultat der Arbeit, aber sagte nicht, dass es ihre eigene ist. Sie bezeichnete es als ersten Entwurf, dann bat sie sie, sich einen Monat Zeit zu nehmen, zu recherchieren, alles zu überprüfen und zu überarbeiten. Danach sollte sie auf sie zukommen. Die Praktikantin war Irma für diese Chance sehr dankbar. Sie begann sofort und arbeitet wie wild, Tag und Nacht, inklusive Wochenenden, um zu zeigen, dass sie etwas kann. Das Endresultat liess sich sehen. Da war nicht nur der WOW Effekt, sondern auch viel Neues und Kreatives drin. Irma war sehr zufrieden und lobte die Praktikantin. Sie schenkte ihr sogar einen Gutschein im Wert von SFr. 100 für die ausgezeichnete Arbeit.
Ein Ende für die Realisten.
Irma reichte die durch die Praktikantin überarbeitete Version ein und bekam ihr halbes Jahr im sonnigen Kalifornien.
Ein Ende für Märchen Liebhaber.
Der Vorsitzende der Findungskomission war der Onkel der Praktikantin, und schlussendlich war er es, der ihr das Praktikum ermöglicht hatte. Bei dem Geburtstagsfest seine Frau erzählte sie ihm über ihre Arbeit, sie zeigte ihm sogar Teile davon. Bei Irmas Einreichung hatte er Verdacht geschöpft. Er zeigte die erhaltene Arbeit seiner Nichte und sie bestätigte, dass es ihre Arbeit war. Irma wurde empfohlen, sich eine neue Stelle zu suchen. Nach Kalifornien in die Ferien ist Irma trotzdem gefahren. Nur, musste sie die Reise selber zahlen.