Kleiner Diebstahl

Jan war seit seiner Kindheit überzeugt, dass er für grössere Dinge bestimmt ist. Von seinem Vater hatte er es regelmässig als Mantra gehört. Sein Vater hatte ihn stark gefordert. Auf dem Gymnasium hatte Jan es geschafft, sich einen der begehrten Austauschplätze für ein Studium in den USA zu ergattern. Nicht, dass es ihm in den USA besser gefallen hätte als zu Hause. Er hatte ein bisschen Heimweh, und in der Klasse fühlte er sich nicht wirklich akzeptiert. Nach seiner Rückkehr konnte er aber mit seinem Englisch glänzen, und im Lebenslauf war das Jahr unbezahlbar. Er studierte Jura. Danach kamen magere Jahre mit dem Anwaltspatent, ein weiteres Mal USA für ein LLM und eine Doktorarbeit. Sein Vater hatte darauf bestanden und es finanziert. In einer Zeit, in der gleichaltrige Freunde längst Autos hatten und tolle Ferienreisen machten, musste Jan finanziell durchhalten. Das eigene Geld bei seiner ersten Anwaltskanzlei war für ihn eine wirkliche Erleichterung. Endlich von seinem Vater unabhängig. Er war fast 30 Jahre alt und erwartete einen kosmischen Start und eine Bilderbuchkarriere. Die Realität sah anders aus: elend lange Stunden und immer wieder Arbeit auch am Wochenende. Um an die Spitze zu gelangen, brauchte es mehr als alle anderen internen Bewerber, und das waren nicht wenige.

Nach sieben Jahren realisierte Jan, dass er in dieser Kanzlei nie weiterkommen würde, und entschloss sich, nach einer anderen Kanzlei zu suchen, die besser seine Fähigkeiten würdigen würde. Er wollte quer in die Spitze einsteigen können. Er hatte keine Lust mehr auf weitere Jahre, in denen er „sich beweisen“ musste. Es war zäh, aber es gelang ihm. Endlich war er dort, wo er hingehörte. Endlich konnte sein Vater stolz auf ihn sein. Doch die Ergebnisse kamen nicht so, wie erwartet. Bei den Mitarbeitern war er eher unbeliebt, und mit den Kollegen hatte er sich verkracht. Nach einer Weile legten sie ihm nahe, die Kanzlei zu verlassen. Jan hatte die Wahrheit ein wenig verzerrt und es auch seinem Vater so erzählt. Er sei für diese Kanzlei zu gut gewesen, und sie wollten seinen Standards nicht folgen. Er habe selber gekündigt, um seine Reputation nicht zu beschädigen. Sein Vater glaubte ihm. Jan suchte eine Stelle bei einer grossen Gesellschaft in der Rechtsabteilung; er hatte genug von Kanzleien. Es war eine lange Suche. Schliesslich konnte er als Leiter der Rechtsabteilung anfangen. Sein Lebenslauf war hervorragend, seine Erfahrung erstklassig. Leider war sein Umgang mit den Menschen jedoch immer mehr Quelle zunehmender Beschwerden. Nach knapp zwei Jahren legte man Jan nahe, sich eine andere Stelle zu suchen. Für Jan war das bitter, aber auch diesmal dachte er keine Sekunde darüber nach, dass es mit ihm selbst und seiner Persönlichkeit zu tun haben könnte. Es waren wieder die anderen, die nicht in der Lage waren, seine Fähigkeiten zu würdigen.

Er fand eine Stelle im Kanton. Er war nicht mehr der Chef, sondern ein Mitarbeiter. Beim Lohn musste er einen spürbaren Rückschritt hinnehmen. Er ging zum 50. Geburtstag. Sein Vater war vor einiger Zeit gestorben. Für Jan war der Tod seines Vaters ein dramatischer emotionaler Verlust. Schlussendlich war sein Vater derjenige, der am meisten an ihn geglaubt hatte. Jan fühlte sich gekränkt, nicht ernst genommen und nicht genug wertgeschätzt. Am Samstag war er in der Stadt, um ein neues Hemd zu kaufen. Als er zu seinem Auto kam, stand neben ihm ein Ferrari. Der Ferrari parkte so ungünstig, dass er die Fahrertür kaum öffnen konnte – vielleicht einen Spalt breit, aber durch diesen konnte er sich niemals hineinzwingen. Er musste wie ein Dieb durch die Beifahrertür einsteigen und sich mühsam über den Sitz auf den Fahrersitz quetschen. Jan war wütend auf die Welt, auf die Reichen, zu denen er nie gehören würde, und auf alle Erfolgreichen. Er öffnete das Fenster, nahm das Schweizer Messer aus dem Auto-Fach und fügte dem Ferrari einen langen Kratzer auf der Seite zu. Ein gutes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Jetzt hatte er es dem unbekannten Ferrari-Fahrer gezeigt. Jan startete sein Fahrzeug und fuhr mit einem hervorragenden inneren Gefühl davon.

Jan begann, sich als Robin Hood zu verstehen. Die in seinen Augen „Bösen“ bestrafte er, und sich selbst belohnte er. Dazu gehörten auch kleine Diebstähle. Nichts von grossem Wert. Jans Gefühl, dass die Welt ihm etwas schuldet und er es sich jetzt zurücknehmen würde, war ein gutes Gefühl. Das war Jans Antrieb.

Jan wurde an seiner Arbeitsstelle nach längerer Beobachtung erwischt, als er zum x-ten Mal für seine Brötchen keinen Betrag in die Kasse legte. Jan versuchte sich rauszureden, aber sein Chef bat ihn, seine Sachen sofort zu packen und das Büro zu verlassen. Jan ist heute arbeitslos und bitter. Warum das so ist, versteht er immer noch nicht.

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