Leben in Zeiten von Corona 2021 II

Am Sonntagmorgen, es ist noch dunkel draussen, aber ich ziehe die Sportsachen an und gehe laufen. Alles schläft noch. Ich begegne niemandem nur bei dem Bauernhof, an dem ich vorbeilaufe, sind die Kühe schon draussen und füllen sich die Bäuche mit dem Silage Futter. Das Licht kommt zaghaft und es ist offensichtlich, dass es da im Unterland wieder einmal kein sonniger Tag wird. Das macht mir nichts aus, zumindest jetzt nicht. Ich renne den steilen Hang nach oben und schnappe nach Luft, um die Steigung bewältigen zu können. Die Luft ist frisch und es ist nicht wirklich kalt aber die Mütze tut ganz gut.  Bewegung an der frischen Luft fühlt sich immer gut an und heute Morgen ist es ein wunderbares Gefühl. Ich erreichte die Kapelle St. Verena und hielt kurz an, um zu schauen wie das Tal so aussieht. Nach 2 Minuten renne ich weiter nach oben, wie wenn dort oben der seelische Frieden zu finden wäre. Leider hat die weitere Steigung auch keinen Frieden gebracht. In meinem Kopf rattern die Gedanken wie wild und ich habe es nicht geschafft, den Kopf leer «zu rennen». Die für Ende Februar geplante Reise nach Prag zu meiner Mutter scheint sich immer weiter zu verschieben, weil zwei Mal Quarantäne, eingesperrt, ohne eine Möglichkeit nach draussen zu gehen, halte ich jetzt einfach nicht aus.

Oben am Berg angekommen ist nicht einmal die erlösende Müdigkeit gekommen. Es mag sein, dass ich in Hochform bin und während Corona 4 Kilo abgenommen habe, aber der Seele tut nichts davon gut. Den Berg runter zu laufen ist belohnt mit tollen Aussichten aber die Knie und Gelenke haben es nicht so gern. Ich habe mich entschieden, die Strecke zu ändern und durch die Stadt nach Hause zu laufen. Auf meinem Weg war auch der Friedhof und ich entschied mich nicht auf dem Weg neben dem Friedhof zu rennen, sondern in der Mitte durchzulaufen. Es wäre höchst respektlos durch den Frieden zu rennen und darum auch wenn weit und breit niemand war, hielt ich vor der Treppe an und ging ganz langsam durch. Der Friedhof ist terrassiert und die verschiedenen Ebenen sind mit Bäumen und Gebüschen voneinander getrennt. Ich wollte nur durchgehen und dann weiter rennen, aber plötzlich sind mir die vielen frische Blumen aufgefallen. Ich ging in Richtung der Blumenfelder, die für Mitte Februar sehr ungewöhnlich sind. Erst jetzt merkte ich da war nicht nur ein Blumenfeld, sondern zwei grosse Felder voller frischen Rosen in allen Farben. Es mussten in kürze sehr viele Beerdigungen stattfinden damit es da so viel frische Blumen gab. Ich stand vor den Blumen, schaute die Fotos an und die kleinen Beigaben und geschrieben Abschiedsbotschaften. Entsetzen und Trauer stiegen in mir hoch. Plötzlich hörte ich Fetzen von Worten. Als ich näher zu der Abdankungskappelle kam, hörte ich die Konversation klar und deutlich. Die Abdankungskappelle hat nur drei Wände und ist auf der Seite zum Friedhof offen. Drin auf eine Bank sassen zwei Herren, beide über 80 und unterhielten sich ziemlich laut.

«Hans ich werde heute mit Graben beginnen. Der Boden ist weich und wer weiss, was nächste Woche passiert«, sagte der eine und der andere nickte nur mit dem Kopf. «Wenn nächste Woche wieder der Frost kommt und er stirbt, kann ich ihn nicht einmal begraben», sagte wieder der erste und der zweite nickte weiter. «Als er das Blut erbrochen hatte, dachte ich, dass ihm der Arzt helfen kann, aber auch nach der Operation wurde es nicht wieder besser», setzte der erste fort. «Alle Medikamente und Infusionen, die er jetzt bekommt, helfen nichts. Ich weiss nicht einmal ob er Schmerzen hat. Ich kann ihm nicht helfen. Die Ohnmacht ist am schlimmsten. Die macht mir zu schaffen, Hans» setzte der Monolog weiter fort. «Ich dachte im Garten bei den Rosensträussen, wäre es am besten, dort werde ich heute beginnen und das Loch muss gross sein, du weisst doch, er ist ziemlich stattlich. Der Arzt hat mir gesagt, dass er den Entscheid, ihn einzuschläfern, mir überlässt. Aber Hans, er frisst und trinkt immer noch, ich lasse ihn doch nicht einfach so töten!» Bis jetzt habe ich zugehört, ohne zu verstehen worum es ging. Erst jetzt ist mir klar geworden, dass der alte Herr über ein Tier, vielleicht ein Hund spricht. «Hans was hättest du gemacht? Hättest du ihn einschläfern lassen?», fragte der erste und wendete sich zu dem zweiten. Er drehte den Kopf und ich konnte sein Gesicht gesehen. Er weinte.

Ich konnte nicht mehr zuhören. Das Leid hat sich jetzt da mit diesem Gespräch, mit den Tränen, mit den frischen Blumen, materialisiert. Ich konnte ihm physisch spüren. Es war unerträglich. Ich musste einfach weg. Weg von da, weg von dem Leid. Ich habe nicht mehr verstanden was der andere Herr antwortete. Ich verliess der Friedhof und sprintete nach Hause. Aber das hat nicht geholfen, die Traurigkeit ist geblieben.

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