Mit Vorurteilen kommt man nicht nach Ascona

Ich bin unterwegs ins Tessin. Ich kann es kaum erwarten dort zu sein. Wenn ich die Alpen durchfahre komme ich mir vor wie in einer anderen Welt. Die Seele baumelt vor sich hin und es fühlt sich an als würde man eine ganz andere Luft einatmen. Kurz gesagt, ich freu mich sehr. Ich reise mit dem Zug, denn schlussendlich ist es der schnellste Weg.

Ob es in Zeiten von Corona auch der sicherste Weg ist, vermag ich nicht zu sagen, jedoch ist mein erster Zug ziemlich leer. Vielleicht liegt es daran, dass es Samstag sehr früh am Morgen ist und alle sind wahrscheinlich zu Hause und schlafen noch. Ich öffne mein Computer und beginne die Artikel zu lesen, die ich mir zur Seite gelegt hatte um sie zu auf dem Weg lesen. Das einzige unschöne ist, dass ich mehrmals umsteigen muss. Es ist halt so, dass es von mir Zuhause nach Ascona nur ein Transportmittel gibt, welches direkt fährt und das ist das Auto. Das will ich aber nicht nehmen. Deshalb muss ich halt mit den zwei Mal Umsteigen leben.

Der Zeit fliegt und wir sind in Bellinzona angekommen. Mein erster Umstiegsort. Jetzt nehme ich den Zug nach Locarno und danach noch ein Bus nach Ascona. Dann muss ich noch ein paar Minuten zu Fuss gehen und dann bin ich dort. Die gesamte Reisezeit ist weniger als 3 Stunden. Ich habe ziemlich viele Sachen dabei. Ein Paddel in einem Futteral verpackt, ein Sack mit dem Stand-Up-Paddel-Brett und der Pumpe, eine Schwimmweste, einen Rucksack mit Kleidern und dem Computer und noch eine kleine Tasche mit Wertsache. Eben viel zu viele Sachen. Das Umsteigen ist mit all diesen Sachen umständlich aber klappt wunderbar. Ich setze mich in den Zug und gedenke die nächste halbe Stunde zu lesen. Vertieft in meinem PC in dem Artikel realisiere ich gar nicht was links und rechts von mir vor sich geht. Warum auch. Ich steuere die Endstation an und die werde ich schon merken. Ich spüre eine bestimmte Unruhe rund um mich aber schenke dem keine Aufmerksamkeit, schlussendlich ist der Artikel so spannend, dass er mich völlig fesselt.

Und plötzlich steht alles still. Für die Corona-Zeit kommt ein Mann bedrohlich nah zu mir und spricht sehr laut mit mir. Ich merke, dass er Zivilkleider trägt (also keine Billetkontrolle) und überlege mir ob ich ihn ignorieren sollte. Ich habe Lust meinen Artikel zu Ende zu lesen und habe keine Lust auf Konversationen irgendeiner Art. Das wäre aber sehr unhöflich. Ich schaue ihn an aber verstehe kein Wort. Die Sprache, in der er angefangen hat, beherrsche ich nicht. Erst jetzt merke ich, dass der Wagon ziemlich leer ist und ausser ihm und mir keiner mehr da ist. Das kommt mir komisch vor, am Anfang war dieser Wagon ziemlich voll aber es tut mich nicht wirklich beunruhigen. Er merkt, dass ich ihn nicht verstehe und wechselt die Sprache.

“Liebe Frau”, sag er ziemlich laut. “Sie haben es nicht gemerkt, aber der Zug steht jetzt fast 10 Minuten da und in 20 Minuten wird er wieder nach Bellinzona fahren. Falls sie nach Locarno wollen, müssen sie mit dem Ersatzbus weiterreisen.”

Gott bin ich doof, denke ich mir, bedanke mich natürlich bei ihm und entschuldige mich lautlos. Ich dachte, das ist ein aufdringlicher jedoch wollte er mir nur helfen!! Man muss mit Vorurteilen aufpassen. Ich packe mein PC, alle meine Sachen, kontrolliere, dass ich nichts aber gar nichts liegen gelassen habe und sprinte so schnell es mit meinem gesamten Gepäck geht zum Bus. Ich habe Glück, da steht noch einer. So kann ich meine Reise fortsetzen. Der Rest verläuft wie geplant und ich bin gut angekommen und es hat sich gelohnt. Gelohnt, weil sich das Feriengefühl in Ascona sofort ausgebreitet hatte, obwohl ich nur eine Nacht geblieben bin.

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