Die Jugendsünde

Ich habe in Nebenfach Journalismus studiert. Das war im Vergleich zu Volkswirtschaft, das ich im Hauptfach studierte, eine unterhaltsame und entspannte Angelegenheit. Die ersten Jahre in Volkswirtschaft erinnerten eher an ein technisches Studium mit viel Mathematik, Statistik und ökonometrischen Modellen und waren ab und zu eine wahre Herausforderung.

An der damals eher kleinen journalistischen Fakultät war unsere winzige Gruppe der auswertigen Nebenfachstudenten sehr gehätschelt.

Einer von unseren Professoren war als grosszügiger Bohème bekannt. Er war nicht wirklich lustig und unterhaltsam und seine Seminare waren eher langweilig. Aber da muss man halt durch. Er war aber dafür bekannt, dass er vor der Prüfung alle Studenten in das Café neben der Fakultät für eine letzte Besprechung einlädt, mit ihnen seine Erwartungen bespricht und dann für alle die Getränke bezahlt.

Unsere Prüfung stand bevor und wie immer bestellte uns der Professor in das Café um 5 Uhr. Da es eine unserer letzten Prüfungen an der journalistischen Fakultät war, hat einer von uns vorgeschlagen, dass wir uns bereits um 2 Uhr in dem Café treffen und uns über unsere zukünftige Pläne unterhalten.

Alle kamen pünktlich und es war lustig und entspannt. Wir sprachen über die bevorstehende Prüfung, die eher als einfach betrachtet wurde. Dann kam einer der Jungen, der heute als Wirtschaftsjournalist im Fernsehen arbeitet, mit der Idee, dass wir bis 5 trinken sollten, dann den Tisch aufräumen lassen und der Professor für diese Getränke auch zahlen lassen sollten. Ich fand es hinterhältig und wollte nicht mitmachen, aber die Gruppe fand es toll. Ab dann haben sich die Jungs Alkohol bestellt. Wir zwei Mädchen blieben bei unseren Softdrinks.

Es war ein toller Nachmittag, wo wir viel gelacht und grossen Zukunftspläne geschmiedet haben und mehrere Nobelpreise angestrebt wurden.

Um viertel vor fünf wurde der Tisch abgeräumt und jeder wartete mit einer Tasse Kaffee vor sich. Der Professor kam 10 Minuten zu spät. Er entschuldigte sich und begann uns seine Erwartungen mitzuteilen. Danach diskutierten wir die Prüfung. Kurz vor 6 waren wir fertig. Er teilte uns mit, dass er alle Getränke bezahlen wird.

Der Junge, der die Idee gehabt hatte, widersprach ihm heftig und sagte, dass es viel zu teuer wird und dass wir es nicht annehmen können. Der Professor insistierte. Der Junge widersprach ihm noch mal. Der Professor sagte Schluss und bestellte die gesamte Rechnung. Unglaubliche schwere Stille breitete sich aus. Wir warteten gespannt, was jetzt kommt. Der Kellner brachte die Rechnung und wir sahen nur die Augenbraune unseres Professors hoch gehen. Wie wird er jetzt reagieren? Ich war sehr überrascht als ich ihn zu dem Kellner sagen hörte, dass er es ihm aufschreiben sollte, weil er nicht so viel Geld dabei hat.

Der Professor schaute uns an, lachte. Und sagte, wir sollten ihn nicht vergessen und auf paar tolle Banketts einladen, wenn wir irgendwann einmal in der Zukunft sehr erfolgreich sind. Somit war das Thema erledigt. Wir waren jedoch die letzte Gruppe, der er die Drinks bezahlt hat.

Bei der Prüfung liess er es uns auch nicht spüren, wir bestanden alle mit glänzenden Resultaten. Da wir alle 8 Bilderbuch Karrieren hatten, sind wir auch nichts schuldig geblieben. Somit denke ich, hat sich das Investment unseres Professors in uns gelohnt.

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