Moische Schagalow – der russische Jude aus Witebsk

Ich habe diesen Winter satt. Er ist einfach elendslang. Es kommt mir vor, dass von November bis jetzt Ende März mit kleinen Unterbrüchen ständig Schnee in unserem Garten liegt. Draussen ist es beissend kalt, dunkel und grau ohne dass sich die Sonne gross zeigt. Der heutige Sonntagmorgen präsentiert sich grau und trüb und gemäss Wettervorhersage wird es auch im Verlauf des Tages nicht besser sein. Es braucht mindestens ein frohes Seelenfutter.

Kennt ihr die Glasfenster in der Kathedrale Metz oder die vom Fraumünster in Zürich oder die in St. Stephan in Mainz oder die vom Art Institute of Chicago? Die sind nämlich alle beindruckend und alle von Marc Chagall und der hat heute eine Ausstellung in Zürich. Darum diskutiere ich mit meinem Sohn (6), ob wir in das Zürcher Kunsthaus gehen sollen. Toll wäre, wenn das Kind mit Begeisterung gerufen hätte – “super Mami, lass uns gehen”. Aber das ist weit entfernt von der Realität. Erst kommt mürrisches Knurren und dann teilt er mir mit, dass er gedenkt mit Lego zu spielen, speziell wenn es draussen so wüst ist. Wie motiviert man einen Sechsjährigen? Kann eine Kunstaustellung Lego bezwingen? Ich versprach, dass es toll sein wird, ohne wirklich zu wissen, wie ich es hinkriege, aber das hat bei ihm als Argument nicht gezogen. Seien wir ehrlich, ich habe mich am Ende der Diskussion diktatorisch durchgesetzt, weil mit der Motivationsschiene, hat es an diesem Sonntagmorgen nicht funktioniert.

Die Ausstellung ist sensationell. Das Kunsthaus hat mir die Arbeit der kindsgerechten Durchführung abgenommen. Mein Sohn hat einen Malbogen, gespitzte Bleistifte sowie einen Audioguide bekommen. Während einer Stunde war er dann in der Ausstellung verloren, zuhörend und suchend. Ab und zu hat er mich gesucht und zu einem der Bilder fast gezerrt, um mir etwas zu zeigen. Und als ich ihm bei Kaffee und Kuchen erzählte, dass der Maler zwei Kinder hatte, wusste er das schon.

Uns haben viele Bilder von Chagall berührt. In dem Bild “Der Krieg“ ist das Leid physisch spürbar, die Verzweiflung derjenigen, die die Toten beklagen, der Schmerz derjenigen, die in den Flammen ihr Leben lassen.

1920 zog Chagall nach Moskau um und 1922 verliess er Russland. Aber im November 1920 schuf er die Bühnenbilder für das Staatliche Jüdische Kammertheater. Er bemalte den ganzen Zuschauerraum, entwarf Bühnenbilder, Kostüme, Leinwand und Vorhang. Die Wandbilder existieren noch, die Deckenbilder und der Vorhang leider nicht mehr. Eines von ihnen ist “Der Tanz” (1920) Tempera und Gouche auf Leinwand. Die Tänzerin scheint in Trance zu verfallen. Das Bild fliesst durch Lebendigkeit ihres Kleides, durch die grossflächigen Farbübergänge wie auch durch das symbolische Erscheinen der Musik am Rande des Bildes. Und dann der Geiger (“Die Musik” 1920) mit tiefgrünem Gesicht und einer orangen Violine (habt ihr gewusst, dass Chagall als Kind Geiger werden wollte?) Und die restlichen Töne in braun, weiss, gelb, blau, schwarz machen das Bild federleicht. Das Lachen des Geigers wirkt freundlich, fast schelmisch.

Mir gefällt auch “Der Spaziergang” (1917/1918), in dem Chagall und seine Frau Bella porträtiert sind, sehr. Es ist materialisierte Freude der Verliebtheit und Leidenschaft füreinander in Bildform.

In vielen Bildern verbindet sich tiefes Schwarz mit der dichten Struktur der Farbtöne und übernimmt die Herrschaft über die Leinwand wie in die “Gaukler in der Nacht” (1957), “Der schwarze Handschuh” (1923 -1948), “Pendeluhr mit blauen Flügel” (1949) oder “Lila Akt” (1967).

Durch das Leben von Chagall sind 3 Frauen gegangen, Bella Rosenfeld, seine erste Frau (1915), mit der er Tochter Ida (1916) hatte. Nach ihrem Tod 1944 folgte Virginia Haggard McNeil, mit der er Sohn David (1946) hatte, da war Chagall fast 60. Aber Virginia verliess ihn für einen anderen, noch älteren Mann. Schliesslich heiratete er 1952 noch mal Valentina (Vava) Brodsky. Er starb im biblischen Alter von 97 Jahren reich und anerkannt.

Aber wer will schon über Bilder lesen. Die Ausstellung ist fantastisch und man muss sie sehen. Ich hab mein Seelenfutter bekommen und der Tag wurde weniger trüb und mein Junge weiss für einen 6 jährigen beängstigend viel über Moische Schagalow, den russischen Juden aus Witebsk, der sich Marc Chagall nannte.

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One thought on “Moische Schagalow – der russische Jude aus Witebsk

  1. Hallo Michaela
    wieder einmal herzlichen Dank für deinen Blogg – ich lese sie immer wieder gerne und habe danach jedes Mal ein Lachen im Gesicht. Du ich werde am 15.04 wieder in Zürich anfangen zu arbeiten. Mehr erzähle ich Dir nächsten Dienstag.
    Alles Liebe
    Sabine

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